„Luft, Licht und Bäumchen“
Wilhelm Riphahn in Köln


Eine Einführung von @denkmalpflegeehrenfeld für stadtflimmern


Dem Architekten Wilhelm Riphahn (1889-1963) begegnet man in Köln fast auf Schritt und Tritt. Kaum ein Architekt hat in Köln so viele Gebäude hinterlassen, von Einfamilienhäusern bis zu großen Siedlungen, von stadtbildprägenden Kulturbauten bis zu Nutzbauten, wie einem Bunker, der es erlaubte nach dem Krieg als Parkhaus weitergenutzt zu werden. Dabei ist es gar nicht so einfach die vielen Bauten dieses Architekten auf den ersten Blick zu erkennen. Bei aller entwurflichen Qualität, die seine Gebäude ausmacht, war er zugleich ebenso pragmatisch wie unideologisch. Während eins seiner ersten Gebäude, das Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Deutzer Freiheit/Justinianstraße noch in einem zeittypischen stilisierten Neobarock gehalten ist, finden sich in seinem späteren Werk Siedlungen, die von den Schriften Camillo Sittes inspiriert sind und pittorsk-dörflich daher kommen, Gebäude, die hervorragende Repräsentanten des Neuen Bauens sind und Werke, für die er einen ganz eigene Formensprache entwickelt hat, wie die Kölner Oper. Allen gemeinsam ist jedoch eine pragmatische und liebevolle Abstimmung von Ausdruck und Bauaufgabe, die immer die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer im Blick behält.

Die Anfänge


Bei seinen ersten Gebäuden ist diese Sensibilität noch nicht in dem Maße ausgeprägt, wie es bei seinen späteren Werken der Fall ist. Die ersten Mehrfamilienhäuser sind, wie gesagt, mit einer neobarocken Ornamentik überzogen, die dem Geist der Zeit entsprach, aber noch nicht so sehr auf Riphahns späteres Werk hindeutet. Zu dieser Zeit scheint er sich noch mehr mit den Strukturen der Gebäude auseinandergesetzt zu haben, und weniger damit, eine Innovative Fassadengestaltung zu schaffen. So ist das Haus, das er an der Ecke Justinianstraße/Deutzer Freiheit baute besonders durch seine originelle Ecklösung beachtenswert. Die Ecke wird nach innen gezogen, so als ob zwei Gebäude im rechten Winkel aufeinander stoßen und vor ihren Schmalseiten einen kleinen Platz bilden. Dieser Eindruck wird noch durch die aufwendige Ausformung der Giebel verstärkt. Im ersten Obergeschoss werden die beiden Seiten dann durch eine Terrasse verbunden, die einen Arkadengang unter ihr frei lässt, was dem Gebäude einen urbanen Charakter verleiht. Das geschickte Spiel mit Städtebau, Baukörpern und Architekturelementen zeichnet also dieses frühe Werk aus. Die Innovationen stecken aber hier nicht in der Ornamentik, die den Eindruck nur verstärkt, nicht aber verändert.

Wohn- und Geschäftshausgruppe Köln-Deutz, 1914 (Foto: wikipedia)

Auch bei seinen ersten Siedlungen experimentiert er noch mit der Wirkung von Architektur und Ornamentik auf das Gesamtbild und auf die Bewohner.

In Bickendorf I. (1918 – 20) spielt er verschwenderisch mit Bögen, Verwinkelungen in der Straßenführung und Elementen einer idealisierten Dorfarchitektur. Allerdings sind die Häuser selbst ausgesprochen beachtenswert. Die Grundrisse sind so geschickt, dass sie bis heute funktionieren und die Ornamentik ist an die Bauaufgabe einer Wohnsiedlung angepasst.


In den zwanziger und dreißiger Jahren werden sein Siedlungen nicht mehr so sehr von Einfamilienhäusern geprägt, sondern von Mehrfamilienhäusern in Reihen- und Blockstrukturen. Die Ornamentierung nimmt dabei ab. Zunächst gibt es nur noch vereinzelte Spitzbögen (Grüner Hof 1922 – 24), bis dann bei der weißen Stadt (1926 – 32) jedes Ornament im klassischen Sinn verschwunden ist. Seine Aufgaben übernehmen nun Schriftzüge, die sowohl die Gebäude bezeichnen, als auch die Orientierung erleichtern und Vordächer und Balkone, die das Licht zum wichtigen Gestaltungselement werden lassen.

Reduzierte Formen, expressive Kraft

Pavillon der "Kölnischen Zeitung" auf der internationalen Presseausstellung "Pressa" in Köln, 1928

Dass diese Entwicklung im Massenwohnungsbau nicht nur Riphahns zunehmend pragmatischeren Einstellung der Architektur gegenüber geschuldet ist, sondern zeigt, dass dieser puristische Stil seiner Meinung einer Wohnsiedlung entspricht, während andere Bauaufgaben ganz andere Mittel erfordern, kann man an seinem fast gleichzeitig entstanden Pavillon für die Kölnische Zeitung auf der internationalen Presse-Ausstellung „PRESSA“ 1928 beobachten. Auch hier sind die Formen einfach geworden und von neobarocker Ornamentierung ist nichts mehr zu beobachten. Allerdings sind die einfachen Formelemente in solcher Fülle und mit solch expressiver Kraft angebracht, dass sie in Zusammenhang mit der Beschriftung die Aufgabe übernehmen, die vorher Ornamente gehabt haben, nämlich dem Gebäude einen Maßstab und eine Sprache zu geben; zwischen dem Gebäude und dem Menschen zu vermitteln und Assoziationen hervorzurufen.


Riphahn hat zu dieser Zeit also angefangen die Mittel zu hinterfragen, mit denen er seinen Häusern Ausdruck verleiht. Von der eher eindimensionalen und platten Vermittlung durch Ornamente, hat er sich für ein abstrakteres Vorgehen entschieden. Das bedeutete natürlich auch, dass die neuen Ausdrucksformen erst erfunden werden mussten und die Nutzer sie erst zu erlernen hatten. Dieser Lernprozess ist aber immer etwas unangenehm, kaum jemand nimmt ihn gerne auf sich und so musste Riphahn Wege finden ihn zu erleichtern und seine Architektur zu vermitteln. Beim Pavillon der Kölnischen Zeitung erreicht er dies mit ausdrucksstarken Formen, wobei die Bauaufgabe eines Ausstellungspavillons sowieso mehr Freiheiten zulässt, da niemand seinen Wert an alltäglichen Bedürfnissen misst. So ist auch seine Akzeptanz als ungewöhnliches Bauwerk höher.

Der stilistische Durchbruch

Die Schwelle zum Spektakulären übersteigt Riphahn dann bei einem etwas später entstanden Gebäude, dem Panoramarestaurant „Bastei“ (1923-24). Hier wird besonders deutlich wie Riphahn in der Lage war Vermittlungsarbeit zu leisten und jeweils eine Form zu entwickeln, die der jeweiligen Bauaufgabe optimal entsprach. Die Vermittlungsarbeit musste nämlich auf verschiedene Ebenen geleistet werden. Im Zuge der Wirtschaftskrise waren die meisten Architekten Kölns ohne Arbeit und so ergriff Riphahn selbst die Initiative und überzeugte einen potentiellen Bauherrn mit einem bereits ausgearbeiteten Projekt auf einer ehemaligen preußischen Bastion am Rheinufer. Als wenn das in der wirtschaftlichen Situation nicht schon schwierig genug gewesen wäre, musste auch noch die widerstrebende Denkmalpflege zustimmen, was schließlich in guter Kölner Manier umgangen werden konnte indem man den Bürgermeister Konrad Adenauer überzeugte, der unter der Bedingung zustimmte, dass es schön werden solle. Riphahn hatte also ein Konzept und eine Form geschaffen, die nicht nur die verschiedensten Interessensgruppen auf ihre Weise überzeugte und ihn in schwierigen Zeiten über Wasser hielt, sondern das mit seiner einfachen und zugleich spektakulären Sprache bis heute beeindruckt. Die Nutzung als Panoramarestaurant wird durch die lange Glaswand gekennzeichnet, die dem Gebäude gleichzeitig den Ausdruck von Öffentlichkeit und Exklusivität verleiht, was durch das leicht gezackte und überragende Dach noch unterstrichen wird. Das Gebäude reizt also die Qualitäten, die in seinem Standort liegen aus und wirbt durch seine Architektur, die zwar ohne Ornament, aber dafür mit vielen kleinen Auffälligkeiten besticht, für sich selbst.


Einen Höhepunkt in Riphahns Schaffen stellte jedoch zweifellos das neue Ensemble aus Opernhaus, Schauspielhaus, Operncafé und deren städtebauliche Rahmung dar, die 1952 – 57 in der Mitte Kölns errichtet wurden.
Auch wenn Riphahn gerne davon sprach, dass das Gebäude der Oper zunächst nach konstruktiven und funktionalen Gesichtspunkten geplant worden sei, ist schon in der Außenansicht erkennbar, dass es hier genauso um Ästhetik und Repräsentation ging.

Dass Riphahn darauf gedrängt habe, dass die Nord-Süd-Fahrt vor seinem Gebäude noch mal nach oben geführt wird und nicht wie vorher und nachher untertunnelt, ist zwar eine Anekdote, aber durchaus nicht unwahrscheinlich. Die auffälligsten Bauteile, nämlich die seitlich abgeschrägten Türme rechts und links des Bühnenhauses haben auch tatsächlich diese Form nicht, um das Gebäude leichter zu machen oder, wie Riphahn schreibt, weil die Nutzungen es erforderten, sondern um seine Theatralik zu verstärken.

Obwohl er bei diesem Bau auf klassisch Ornamentik verzichtet, hat er sich mittlerweile ein solches Repertoire an Mitteln ausgedacht und in diesem Bau zur Anwendung gebracht, dass der Verzicht dadurch völlig kompensiert wird. Die Fassade entwickelt sich im Laufe des Entwurfsprozesses, von einem verglasten Mittelteil, der von geschlossenen Wänden flankiert wird zu einer Anordnung von gebäudehohen Fensteröffnungen, die sich mit geschlossenen Streifen abwechseln. So erinnern die Eingänge an Interkolumnien, was die Assoziation mit einem antiken Tempelportikus weckt, wie er im 19. Jahrhundert gerne für repräsentative, öffentliche Gebäude gebraucht wurde. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Staffelung des kleinmaschigen Obergaden, des Zuschauerraums und der mächtigen Wand des Bühnenhauses, die sich über der Fassade wie ein Tympanon erheben. Auf diese Weise gelingt es dem Architekten an die Sehgewohnheiten und Ansprüche der Nutzer mit modernen Mitteln anzuknüpfen, ohne historisierend zu erscheinen.


Im Inneren setzt er dieses Konzept fort um den Besuch zu einer sinnlichen Erfahrung zu machen. Er gestaltet den Eingangsbereich im Erdgeschoss bewusst niedrig und hallig, was durch den Fußbodenbelag verstärkt werden soll, um einen Übergangraum zwischen Stadt und Saal zu schaffen, der gleichzeitig schon in hohem Maße stimmungsvoll wirkt. Dieser unterstreicht den Kontrast zur darüber liegenden Vorhalle, die nun durch ihre Höhe und Ruhe noch feierlicher wirkt. Im Saal selber fällt besonders auf, wie die in früheren Opernhäusern reiche Stuckatur, durch ausgesuchte Materialien ersetzt wird, die mit den geschwungenen Formen der Logen korrespondieren. Dabei werden in der Ausstattung und Aufteilung des Raumes alle wesentlichen Sekundärfunktionen eines Opernhauses, wie das „sehen und gesehen werden“, mit eingeplant.

Wir können also in Wilhelm Riphahn einen Architekten sehen, der sich im Laufe seiner Karriere einen immer mehr purifizierenden Stil entwickelt hat. Dabei ist es ihm gelungen nicht nur einen Sinn für Sinnlichkeit und Repräsentation zu bewahren sonder auch dafür, für die Bauaufgaben den jeweils passenden Ausdruck zu finden. So gelang es ihm in einem zeitgenössischen Stil die Auftraggeber und die Nutzer mitzunehmen und ihnen das Neue, das er zum nicht unerheblichen Teil selber entwickelte, auf überzeugende Art nahezubringen.

Zum Autor des Textes:
@denkmalpflegeehrenfeld ist Architekt und Denkmalschützer aus Köln.
In dieser Woche begleitet und unterstützt er stadtflimmern mit seinem Fachwissen.
Vielen Dank!

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