Kölner Kriegsnarben


Köln in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942.
In der sogenannten „Operation Millennium“ flog die Royal Air Force mit über 1000 Bombern einen Luftangriff auf Köln, der das Gesicht der Stadt für immer verändern sollte. Am Ende der Nacht, die den Himmel über Köln in Brand setzte, waren 95% der Altstadt und 70% der gesamten Stadtfläche Kölns zerstört. Zahlreiche historische Gebäude und Schätze aus über 2000 Jahren Stadtgeschichte waren unwiederbringlich verloren.
Dieser schlimmste Angriff in der Geschichte Kölns jährt sich am kommenden Sonntag zum 78. Mal.
Es sollte aber nicht der Letzte sein. 262 Luftangriffe wurden bis zur Befreiung durch die Amerikaner, im März 1945, auf Köln geflogen. Mehr als auf jede andere deutsche Stadt. Sie trafen die Kölner Bevölkerung oft mit voller Wucht.
20.000 Kölnerinnen und Kölner verloren ihr Leben, unzählige konnten das Trauma der Geschehnisse nie verarbeiten.
In Erinnerung an die Schrecken auf beiden Seiten des Krieges, möchte stadtflimmern Kölns Kriegsnarben zeigen. Narben, die in der Erinnerung der Stadt verankert sind und die ihr Gesicht bis heute prägen. Häufig übersehen, überall sichtbar und immer auch Mahnmal. Ein zweites Mal in diesem Monat sagt stadtflimmern: Nie wieder!

Operation Millennium

Bereits im Februar 1942 hatte das britische Luftfahrtministerium eine Anweisung zu Flächenbombardements herausgegeben. Diese Einsätze sollten in erster Linie die Zivilbevölkerung treffen und das Deutsche Reich schwächen, in dem man die deutschen Städte zerstörte und die Moral der Bevölkerung schwächte. Sie wurden auch als Antwort auf die sogenannten „Blitz“-Angriffe der Wehrmacht auf britische Städte 1940/41 gesehen.
Köln war schon häufiger zum Ziel von Luftangriffen geworden. Das lag zum einen an der Nähe zu Großbritannien, zum anderen aber auch an seiner gut aus der Luft erkennbaren Form und Lage am Rhein.
Die Zerstörungen blieben allerdings bisher immer relativ gering. Es wurde sogar von einer Art „Bombentourismus“ berichtet, bei der die Kölner Bevölkerung die bislang wenigen zerstörten Häuser bei Ausflügen besichtigte.

Flächenbombardements hingegen wurden Anfang März 1942 erstmals über Essen ausgeführt. Man erhoffte sich, Aufstände gegen den eigenen Staat innerhalb der deutschen Bevölkerung auszulösen. Jedoch trat das Gegenteil ein und die ausgebombten Deutschen wurden zu noch eifrigeren Unterstützern des eigenen Systems und bezogen noch stärker Position gegen ihre Angreifer.

Im Mai 1942 plante Luftmarschall Arthur Harris daher erstmals, eine deutsche Großstadt flächendeckend mit einer noch nie dagewesenen Anzahl an Bombern zu zerstören.
Die Heftigkeit und Grausamkeit der sogenannten „Operation Millennium“ war auf Seiten der Briten wohl jedem bewusst. Dennoch sollte es „jedem klar sein, falls es noch nicht so verstanden worden ist […], dass die Ziele bebaute Gebiete sind und nicht z.B. Schiffswerften oder Flugzeugwerke […] sein werden“.
Premierminister Churchill war aber so beeindruckt von der Idee und Entschlossenheit Harris‘, dass er der Operation zustimmte, obwohl er mit hohen Verlusten auch auf der eigenen Seite rechnete.
Die Einheit von Harris bestand zu diesem Zeitpunkt aus lediglich etwas über 400 Flugzeugen, die er aber mit bereitwilliger Hilfe weiterer Truppenkommandeure auf 1042 Flugzeuge aufstockte. Er nutzte außerdem personelle Ressourcen wie Techniker aus dem ersten Weltkrieg und setzte sehr junge Piloten ein, die sich erst in der Ausbildung befanden.

Am 26. Mai 1942 waren die Planungen abgeschlossen und der finale Befehl zur Ausführung der „Operation Millennium“ wurde erteilt.
Ursprünglich sollte Hamburg als zweitgrößte deutsche Stadt und Standort großer Werften getroffen werden. München war schlicht zu weit entfernt und Berlin zu stark verteidigt. Ungünstiges Wetter über Hamburg in den letzten Maitagen, ließen Arthur Harris aber am 30. Mai die Entscheidung fällen, Köln, als drittgrößte deutsche Stadt zu zerstören. Kurz nach Mittag des 30. Mais wurden die Truppen benachrichtigt und bereiteten sich vor.

Köln, 31.05.1942, 0:47Uhr

Es war eine warme Frühlingsnacht in Köln, fast Vollmond, als um 0:47Uhr die Luftschutzsirenen anfingen zu heulen.
Die Kölner Bevölkerung war mittlerweile an diese Art von Alarm gewohnt, die kleinen Koffer mit denn wertvollsten Habseligkeiten, immer fertig gepackt. Es gab zwar über die Stadt verteilt Hochbunker und gekennzeichnete Luftschutzkeller in öffentlichen und privaten Gebäuden und sogar die alten römischen Abwasserkanäle wurden als Schutzraum genutzt, diese hatten aber bei Weitem nicht genug Platz für die Kölner Bevölkerung. Viele flüchteten daher in die eigenen Keller. Allerdings boten sie keinen ausreichenden Schutz. Für die meisten der Kölner Kriegsopfer wurde so ihr eigener Keller zum Grab.

Luftaufnahme der Royal Air Force vom 30./31. Mai 1942:
Suchscheinwerfer und Luftabwehrgeschosse erhellen den Himmel; unten links im Bild sind Einschläge erster Bomben zu sehen.


In dieser Nacht war aber etwas anders: Das sonore Brummen der Flieger wurde lauter als sonst. Der Boden zitterte von den Motorengeräuschen. Es waren so viele Flugzeuge über dem Kölner Nachthimmel zu sehen, wie noch nie zuvor.
Dann setzte das Böllern und Dröhnen der schweren Flakgeschütze ein, gefolgt vom Pfeifen der abgeworfenen Bomben, das die meisten Zeitzeugen heute noch im Ohr haben. Die ersten Treffer markierten den Neumarkt. Von dort aus, wurde der Rest der, durch den Mondschein gut zu erkennenden Stadt, systematisch ausgebombt. Die Detonationen ließen das Mauerwerk in den Kellern rieseln, Druckwellen von weiter entfernten Treffern ließen Fenster zu Bruch gehen. Die Menschen hatten Todesangst und mit jedem Sprengsatz und mit jeder Brandbombe wurde die Stadt immer mehr einer Wüste aus Ruinen und Stein gleich gemacht.
Eineinhalb Stunden lang traf Köln eine Zerstörungswelle nach der anderen. 1.500 Tonnen Bomben regneten über der Stadt nieder – alle sechs Sekunden ein Einschlag. Das alte Köln, wie man es kannte, ging in dieser Nacht unter.

Nach 88 Minuten, wesentlich schneller, als veranschlagt, war der Angriff vorbei.
Als die Kölnerinnen und Kölner aus ihren Schutzräumen heraustraten, bot sich ihnen ein grauenerregendes Bild:
Überall brannten Häuser, traurige, verkohlte Mauerreste ragten zum Himmel. Kirchtürme waren einfach weggebombt, ganze Straßenzüge gab es nicht mehr, Die Menschen rannten in die brennenden Wohnungen und versuchten zu retten, was eigentlich schon verloren war. Betten, Wäsche, Tische, Stühle lagen auf der Straße.

Mehr als 3300 Gebäude wurden vollständig zerstört, über 2000 schwer beschädigt und 50.000 Kölnerinnen und Kölner wurden obdachlos.
Im Gegensatz zum Blitz-Angriff auf London entstand in Köln aber kein Feuersturm. Die 2500 Brandherde wurden schnellstmöglich von der Feuerwehr und der Kölner Bevölkerung, teils mit Badewasser, gelöscht, und vom einsetzenden Regen am Morgen danach zumindest an der Ausbreitung gehindert.
Daher war die Zahl der Toten dieser Nacht in Köln mit 500 relativ gering. Die Leichen wurden an der Straße aufgebahrt und dann mit Lieferwagen in provisorischen Särgen zu den teils ebenfalls zerbombten Friedhöfen gebracht.
Mehr als 5000 Menschen wurden schwer verletzt, von den psychischen Folgen ganz zu schweigen.


Die gesamten Auswirkungen dieser Nacht, begriffen die Kölnerinnen und Kölner wohl erst in den darauffolgenden Tagen. Überall sah man nur Trümmer, ausgebrannte Wohnhäuser. Öfen, Herde und Badewannen waren teilweise aus dem vierten Stock bis in den Keller gefallen. Decken hingen manchmal noch mit einer Seite irgendwo an der Wand fest, in der Mitte noch an einer Stuckrosette die Zimmerlampe tragend. Durch die Straßen irrend, traf man auf traumatisierte Menschen, weinende Kinder, Mütter die auf den Schutthaufen von dem saßen, was einmal ihr Zuhause gewesen war. Manchmal grub man in den Trümmern und freute sich über Dinge, die man noch fand und die einen an das frühere Leben erinnerten – eine Kiste mit Weihnachtskugeln, zum Beispiel, auch wenn sie zerbrochen waren.
Lediglich der Dom, der nur durch Zufall nicht von Bomben getroffen wurde, stand noch im Trümmerfeld der Stadt.
Von Kölns damals rund 800.000 Einwohnern, verließen nach diesem Angriff etwa 150.000 Menschen ihre Stadt.


Die Nacht des 30. Mai 1942 bleibt im Gedächtnis der Bevölkerung. Auch die Kölschrockband BAP hat die „Nacht der Tausend Bomber“ in ihrem Lied „Ein für allemohle“ verarbeitet.


Auf britischer Seite wurde die Operation Millennium als voller Erfolg verbucht, zwei Tage später wiederholte man den Angriff. Diesmal war wieder die Stadt Essen das Ziel.
Das propagandistische Hauptziel des Flächenbombardements wurde in jedem Fall erfüllt. Von dieser Nacht an, lebte die Deutsche Bevölkerung in Angst.
Köln wurde noch viele Male schwer angegriffen und weiter zerstört. Das letzte Mal am 02.03.1945, wenige Tage vor der Befreiung.
Der britische Befehlshaber der „Operation Millennium“, Arthur Harris war es auch, der maßgeblich an den Planungen der Luftangriffe auf Dresden 1944/45 beteiligt war. 1992 wurde ihm in London ein von vielen Seiten umstrittenes Denkmal gesetzt. Seine Skrupellosigkeit führte nämlich nicht nur auf deutscher Seite zu hohen Opferzahlen. Im Verlauf des Krieges kehrten auch etwa 45% der von ihm entsandten Piloten nicht mehr zurück. Dadurch hat er in Großbritannien den Namen „Butcher Harris“, „Harris, der Schlächter“ erhalten. Die Statue in der City of Westminster ist bis heute immer wieder Beschädigungen ausgesetzt.

Das zerstörte Köln, 1945

Der Wiederaufbau

Nach dem Kriegsende war die Stadt so sehr zerstört, dass Konrad Adenauer ernsthaft überlegte, sie weiter nördlich auf unbebautem Gebiet neu aufzubauen. Die schnell in ihre Stadt zurückkehrenden Kölnerinnen und Kölner zeigten jedoch einen so unbändigen Wiederaufbauwillen, dass sie schon wenige Tage nach Kriegsende mit der Räumung von Trümmern begonnen. Im Kleinen, wie im Großen. Viele Geschäftsleute bauten auf ihren Grundstücken zunächst nur das Erdgeschoss wieder auf, um zumindest ihren Lebensunterhalt verdienen zu können und Baugenehmigungen wurden seitens der Verwaltung weniger bürokratisch vergeben.
Die Besatzer, zunächst Amerikaner, später Briten, unterstützten die Bevölkerung, doch es fehlte oft schlicht an Infrastruktur. Viele Institutionen, wie Oberlandesgericht, Oberfinanzspräsidium oder Wertpapierbörse wurden ins weniger zerstörte Düsseldorf verlegt, das zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum der von den Briten neu gebildeten Nordrhein-Provinz und später zur Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens wurde. Einige alteingesessene oder neu gegründete Firmen bevorzugten daraufhin die Nachbarstadt, was sich wirtschaftlich negativ für Köln auswirkte.
Obwohl der Wiederaufbau Kölns anfangs durch ungünstige Bedingungen beeinträchtigt wurde, stellte man aber gerade zu Beginn die Weichen für die weitere Entwicklung der Stadt. Mit Gründung der Kölner Wiederaufbaugesellschaft 1946 entwickelte ihr Vorsitzender, der Straßburger Architekt Rudolf Schwarz, gemeinsam mit Wilhelm Riphahn, einen wegweisenden Plan.
Diesem Plan haben wir zu verdanken, dass Köln heute immer noch seine Veedelskultur besitzt und nicht, wie von einigen anderen Architekten vorgeschlagen, von Grund auf neu geplant wurde.
Schwarz erkannte, dass die mittelalterliche Struktur der Stadt „aus einer Addition von Vierteln besteht, in deren Zentrum sich jeweils eine romanische Kirche befindet.“
Diese Struktur wollte Schwarz erhalten und griff bei seinen Planungen überwiegend auf das alte Straßennetz zurück.
Die Zerstörung der Viertel im größeren Stil, fand erst mit dem Generalverkehrsplan der „autofreundlichen Stadt“ in den 1950er Jahren statt, wie das Beispiel „Unter Krahnenbäumen“ heute noch eindrucksvoll zeigt.

Was bleibt

Trotz Wiederaufbau, Neubauten und Eigentümerwechseln sind in Köln die Zeichen des Krieges auch 75 Jahre nach dessen Ende noch immer sichtbar. Von Hinweisen zu Luftschutzkellern an Hauswänden, über nie geschlossene Baulücken, Hochbunker, Kirchen, die keine Türme mehr haben bis hin zu Ruinen, die aussehen, als sei der Krieg erst seit gestern vorüber, sieht man die Spuren im Gesicht der Stadt. In den letzten Jahren wurde die Schließung innerstädtischer Baulücken angesichts drastischer Wohnungsnot und explodierender Mietpreise als so genannte Nachverdichtung zu einem der wichtigsten Anliegen in der Kölner Stadtplanung erklärt. Die Lücken in den Häuserfronten schließen sich, neue Wohn- und Bürohäuser entstehen dort, wo jahrelang Brandmauern oder Brachen lagen.


Auch, oder gerade weil die letzten Spuren von Zerstörung und provisorischem Wiederaufbau nach und nach aus dem Stadtbild verschwinden, möchte stadtflimmern in dieser Woche mit euch gemeinsam die Kölner Kriegsnarben betrachten, die noch heute an die schwärzeste Zeit in der jüngeren Geschichte unserer Stadt erinnern und heute vor allem auch Mahnmal sind, das uns Kölner daran erinnert, nie wieder Krieg zuzulassen.

Nie wieder!

Mehr Informationen zur Nazi-Zeit in Köln und den Spuren des Krieges im heutigen Stadtbild unter:

NS DOK

CRIFA